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WIR MÜSSEN AUßEN SICHTBARER SEIN

Pfarrer Uwe Michler im Gespräch
WIR MÜSSEN AUßEN SICHTBARER SEIN
WIR MÜSSEN AUßEN SICHTBARER SEIN

Seit rund einem Jahr ist Uwe Michler Pfarrer im Frankfurter Osten. Zuvor hat er im Westerwald gearbeitet. Benjamin Holler aus dem Öffentlichkeitsausschuss trifft ihn zum Gespräch bei einem Spaziergang über die Berger Straße.

Der Stadtteil war gerade gepflastert mit Wahlplakaten. Wie politisch muss denn Kirche sein?

Kirche ist politisch, aber nicht parteipolitisch. Man muss sich fragen, wie kann das christliche Menschenbild politisches Handeln prägen? Uns ist klar, dass jeder Mensch vor Gott eine Würde hat, gleich welcher Herkunft er ist. Aber schon da wird es vor allem mit einer Partei schwierig. Bei Lebensschutz-Fragen – von der Abtreibung bis zur Euthanasie – ist die katholische Kirche konträr mit vielen Parteien.

Muss sich Kirche deutlicher positionieren?

Sie muss sich vielmehr überlegen, was das Wesentliche im Katholischen ist. Die großen Debatten drehen sich lediglich um Reizthemen, wie die Sexualmoral oder Verhütung. Das sind langwierige Diskussionen, bei denen das Kirchenvolk schon lange nicht mehr kirchlichen Vorgaben folgt.

Sie sind vor einem Jahr vom Land nach Frankfurt gekommen – gab es den Großstadt-Schock?

Nein. Ich kenne Frankfurt, weil ich hier viele Freunde habe. Es gibt in der Arbeit aber viele Unterschiede: Im Westerwald gehörten siebzig Orte zu einer Pfarrei. Das war zwar geografisch größer aber überschaubarer. In St. Josef gibt es mehr Katholiken, mehr Kitas, Mitarbeiter und Immobilien.

In Polohemd und Chinohose: Pfarrer Uwe Michler auf der Berger Straße „Ich habe vorbehalte gegen Uniformierung. Das wäre Identität durch Abgrenzung. Das kann distanzierend sind.“ Fotos: Benjamin Holler

Ticken Städter anders?

Nein, man ist in Frankfurt nicht liberaler als auf dem Land. Die Gegend um Diez ist evangelisch geprägt, da waren es die Leute gewohnt, sich zu bewegen. Ich stelle in der Stadt fest, dass die Menschen eine Spur konservativer sind. Man konzentriert sich mehr auf die Kirchorte, während auf dem Land eine Bereitschaft zu Beweglichkeit zwingend war.

In St. Josef hat nicht nur der Pfarrer gewechselt – welche personellen Herausforderungen gibt es in der Pfarrei?

Drei Mitarbeiter sind gegangen, nur eine neu gekommen. Wir müssen uns fragen, wie wir die Aufgaben verteilen und eingestehen, was nicht mehr geleistet werden kann. Sicherlich müssen Ehrenamtliche gestärkt werden, damit sie Dinge übernehmen können. Der neue Mainzer Bischof Kohlgraf wirbt auch für Wortgottesfeiern, die von Laien geführt werden. In meiner früheren Stelle wurden solche Gottesdienste auch sehr gut angenommen.

Sie sagen, man muss die Aufgaben neu verteilen. Worauf soll sich Kirche im Frankfurter Osten konzentrieren?

Kirche muss auch außerhalb präsent sein! Ich sehe das in Fechenheim und Seckbach: Da gibt es gute Verknüpfungspunkte auch mit kommunale Anliegen und einer Anteilnahme am Stadtteil. Papst Franziskus sagt, man müsse die engen Kirchenmauern überwinden, und an den Rändern sichtbar sein. Da ist für uns die Frage, wo wir vor Ort präsent sind und wie wir uns denen zeigen, die nicht katholisch sind.

Nach außen hin ist es doch schwer vermittelbar, warum Christen in zwei Konfessionen getrennt sind. Wenn uns in wesentlichen Fragen nichts mehr trennt, dann ist die Frage, ob es nicht bald eine Abendmahlsgemeinschaft geben kann.

Wie können sich hier Gemeindemitglieder beteiligen?

Da brauchen wir die Hinweise aus den Kirchorten, wenn zum Beispiel neue Wohnviertel entstehen oder Diskurse in den Stadtteile aufkochen, in denen die Position oder Beteiligung auch der Kirche gefragt ist.

Ende Oktober wird das Reformationsfest bei den Protestanten groß gefeiert. Geht das an St. Josef spurlos vorüber?

Wir haben der Reformation viel zu verdanken, wie das Bewusstsein, dass sich Kirche immer wieder reformiert hat, auch die Katholische. Innerhalb der Großpfarrei ist das ökumenische Engagement sehr unterschiedlich. In Bornheim wird Ende September immer ein öffentlicher Gottesdienst am Uhrtürmchen gefeiert. Eine gemeinsame Ökumene ist aber wichtig, weil wir alle Christen und durch die Taufe verbunden sind. Nach außen hin ist es doch schwer vermittelbar, warum Christen in zwei Konfessionen getrennt sind. Wenn uns in wesentlichen Fragen nichts mehr trennt, dann ist die Frage, ob es nicht bald eine Abendmahlsgemeinschaft geben kann. Ich halte zumindest eine eucharistische Gastfreundschaft für wünschenswert.

Sind Sie als Pfarrer einer so großen Pfarrei nun mehr Manager oder Seelsorger?

Im Moment ist viel zu organisieren, von daher fühle ich mich eher wie ein Manager. Jeder Seelsorger hätte gerne mehr Zeit für Hausbesuche um mit Menschen mehr ins Gespräch zu kommen. Man muss als Pfarrer delegieren können und Leute vor Ort, vertrauen, dass sie einiges übernehmen, das ist in St. Josef der Fall.

Vielen Dank für das Gespräch.