Liebe Gemeinde,
die Fastenzeit steht bevor. Viele von uns wollen bei den Mahlzeiten fasten und zum Beispiel auf Fleisch verzichten. Andere haben gute Vorsätze für die Fastenzeit, sie wollen etwa jeden Sonntag an der Heiligen Messe teilnehmen. Wieder andere probieren sogar das Heilfasten. Viele von uns betrachten diese Fastenzeit als Chance, ihr Leben, ihr Verhalten oder ihre schlechten Gewohnheiten zu ändern. Ärger, Zorn und Unbeherrschtheit zum Beispiel. Wie gehen wir mit diesen schlechten Gewohnheiten um? Wir bemerken oft erst zu spät, dass wir die Gefühle anderer Menschen durch unsere Unbeherrschtheit verletzen.
Wie dieser kleine Junge, der sich auch nur schlecht beherrschen konnte. Sein Vater gab ihm einen Beutel mit Nägeln und erklärte ihm, dass er jedes Mal, wenn er seine Beherrschung verlor, einen Nagel in die Rückseite des Zaunes hämmern sollte.
Am ersten Tag hatte der Junge 37 Nägel in den Zaun geschlagen. Über die nächsten Wochen lernte er dann aber, seinen Zorn zu steuern und die Zahl der Nägel nahm täglich ab, bis er am Ende gar keine mehr benötigte. Er hatte verstanden, dass es einfacher war, seine Beherrschung zu bewahren, als Nägel in den Zaun zu schlagen. Er berichtete seinem Vater, was er erreicht hatte. Der Vater schlug daraufhin vor, dass der Junge jetzt einen Nagel für jeden Tag aus dem Zaun ziehen sollte, an dem es ihm gelang, seine Beherrschung zu bewahren.
Die Tage vergingen und der Junge konnte schließlich seinem Vater berichten, dass er alle Nägel wieder herausgezogen hatte. Der Vater nahm seinen Sohn an der Hand und ging mit ihm zum Zaun. Er sagte: „Das hast du gut gemacht, mein Sohn.
Nun schau dir aber die Löcher im Zaun an: der Zaun ist nicht mehr derselbe. Wenn wir Sachen im Zorn sagen, hinterlassen sie eine Narbe, so wie die Nägel Löcher im Zaun hinterlassen haben.
Wir können ein Messer in einen Menschen stoßen und es wieder herausziehen. Aber egal, wie viele Male wir „Entschuldigung" sagen - die Wunde bleibt. Und eine seelische Wunde ist genauso schlimm wie eine körperliche."
Unbeherrschtheit und Wut können Kommunikation verhindern und Beziehungen zerstören, sie ruinieren die Freude und die Gesundheit unserer Mitmenschen. Leider neigen die Menschen dazu, ihre Wut zu rechtfertigen, statt die Verantwortung dafür zu übernehmen. Das gilt - in unterschiedlichem Ausmaß - für jeden von uns. Ärger und Zorn werden zu Sünde, wenn sie egoistisch motiviert sind (Jak 1:20) oder wenn das Ziel Gottes verzerrt wird (1 Kor 10:31). Epheser 4:15-29 sagt, wir sind da, um die Wahrheit in Liebe auszusprechen, wir sollen unsere Worte gebrauchen, um andere aufzubauen, und es nicht zulassen, dass zerstörerische Worte von unseren Lippen kommen. In dieser Fastenzeit wollen wir die Wunden heilen, die durch unsere Wut und Unbeherrschtheit bei anderen entstanden sind.
Verzeiht mir bitte, wenn ich einem von Euch jemals eine Wunde zugefügt habe.
Ich wünsche Ihnen weiterhin eine besinnliche und gesegnete Fastenzeit.
Mit priesterlichem Segen,
P. Joachim
